Sterbehilfe

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Identitätsbehaupter
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Re: Sterbehilfe

Beitragvon Identitätsbehaupter » Sa 15. Mär 2014, 18:57

Kein schwieriges Thema für die Philosophie.
Schauen wir uns doch mal den kategorischen Imperativ an: Eine Maxime nach der man handelt, ist dann moralisch gut, wenn sie drei Bedingungen erfüllt:
1. Man muss sie widerspruchsfrei als allgemein geltendes Gesetz denken können.
2. Man muss sie widerspruchsfrei als Naturgesetz denken können.
3. Jeder Handelnde darf dabei niemals ausschließlich als Mittel zum Zweck behandelt werden.

Nehmen wir also an, unsere Maxime würde lauten: Man darf einen Menschen dann töten, wenn er unheilbar Krank ist und seinen eigenen Tod in einem klaren geistigen Zustand wünscht.
Also gehen wir Kants Katalog durch:
1. Sterbehilfe lässt sich zunächst als allgemein geltendes Gesetz denken. Da spricht nichts dagegen. (Es erzeugt keinen logischen Widerspruch)
2. Das mit dem Naturgesetz lässt sich nicht sagen, weil es bei anderen Lebensformen wohl nur ein vermindertes Bewusstsein für den Tod gibt (bspw. können sich Tiere einen solchen nicht wünschen bzw. nicht kommunizieren, dass sie explizit diesen Wunsch haben) - Also fällt diese Bedingung heraus.
3. Nun wird es auf der sozialen Ebene aber knifflig. Wir haben zwei Handelnde: den, der sich den Tod wünscht (im Folgenden T) und den Ausführenden Täter (A). Und der Zweck ist nicht zu töten, sondern T von seinen Leiden zu erlösen. Sprich: Der Handelnde A, der den "Mord" begeht, ist in der Hinsicht nur ausschließlich Mittel zum Zweck.
So betrachtet ist die Bitte um Selbstmord durch die Hand eines anderen eine ausnehmend egoistische Sache- es sei denn, A kann den Zweck als solchen verinnerlichen und macht ihn zu einem Selbstzweck.
Oder anders formuliert: Erst, wenn der Handelnde (oder auch alle anderen involvierten Personen, die diese Entscheidung letzten Endes tragen), der "Mörder" wollen kann, dass T stirbt, ist die Handlung vernunftmäßig gerechtfertigt.
(Aber selbst das ist sehr vage - denn: Wie kann man ernsthaft wollen, dass eine geliebte Person stirbt?
- oder dass man selbst stirbt- zumindest glaubt das die Gesellschaft. Schaut man sich den Fall den Kannibalen von Rothenburg an, wird deutlich, welche Probleme die Gesellschaft mit einer solchen Handlung hat, auch wenn sich beide Handelnde augenscheinlich auch einen Selbstzweck in ihrer Handlung sehen konnten - denn auch das Opfer wollte willentlich verspeist werden. Das wirft ein massives Problem der moralischen Orientierung auf).

Und damit kommen wir zu meiner ganz persönlichen Meinung - schließlich bin ich nicht Kant.
Dinge wie Sterbehilfe werden Gesellschaftlich immer ein Grenzproblem sein, weil sie die herrschende Moralvorstellung aufweicht (wie in dem Fall: man darf Menschen nicht töten). Und wo ursprünglich klare Grenzen verwischt werden, gibt es Desorientierung und Angst. Bereits eine so kleine Entscheidung kann unser gesamtes Moralsystem in Frage stellen - ein Problem, dessen sich die Gesellschaft nicht stellen kann- auch aus Gründen der Sicherheit der Individuen gegenüber.
Insofern ist es tatsächlich gut so wie es ist: Sterbehilfe sollte staatlich nicht legitimiert werden - oder zumindest nicht in großem Stil, nur in Einzelfällen, die man wegrationalisieren, wegerklären kann.
Und wenn ich in der Situation wäre, Sterbehilfe zu verlangen - was ja wohl geistige Zurechnungsfähigkeit bedeutet - würde ich zunächst kalkulieren, wie viele Schmerzen rechtfertigen können, dass ich eine derart erdrückende Last und Verantwortung auf geliebte Menschen abwälze.
Außerdem... kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es wirklich einen "point of no return" gibt, solange man zumindest seine Gedanken, sein Bewusstsein kontrollieren kann. Aber das ist wohl eine andere Geschichte.
"Ich will nicht mehr essen trinken atmen eine Frau lieben einen Mann ein Kind ein Tier. Ich will nicht mehr sterben. Ich will nicht mehr töten.[...]
Ich breche mein versiegeltes Fleisch auf. Ich will in meinen Adern wohnen, im Mark meiner Knochen, im Labyrinth meines Schädels. Ich ziehe mich zurück in meine Eingeweide. Ich nehme Platz in meiner Scheiße, meinem Blut.[...]

[Hamlet] Tritt in die Rüstung, spaltet mit dem Beil die Köpfe von Marx Lenin Mao. Schnee. Eiszeit. "

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Distanzobjekt
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Re: Sterbehilfe

Beitragvon Distanzobjekt » Sa 15. Mär 2014, 19:50

Schließe mich der Ansicht von ID ohne Umschweifen an. Es kann A nicht rechten sein, andere mit Schuld zu belasten in dem ich sie bitte mich umzubringen und B ist es wider der Funktion der Moral die Moral mit sich selbst zu demontieren: entweder moralisch oder nicht.
1. Kunst und Schaffenskraft lässt sich genauso leicht kritisieren, wie es für den Kritiker schwer ist besseres zu leisten.
2. Nur wer Toleranz Grenzen setzt, weiß Freiheit zu schätzen.
3. Nur wer Achtung sät wird Achtung ernten.
4. Den Kopf zum denken benutzen ist keine Straftat.

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Re: Sterbehilfe

Beitragvon Jack Harkness » Fr 17. Okt 2014, 08:21

Das ist einen der grausamsten Themen,über die man nachdenken kann,wer möchte eine solche Entscheidung treffen müssen?Sollen wirklich Angehörige Partner oder Freunde dazu gedrängt werden,das Leben einer Persohn zu beenben oder künstlich zu verlängern.Was hätte der Kranke gewollt?,würde er/sie sich wieder erholen? was ist menschlich human?Ich denke,dass niemand diese Entscheidung treffen sollte und lehne Sterbehilfe deshalb ab.

schwarze Rose1oo

Re: Sterbehilfe

Beitragvon schwarze Rose1oo » Mo 27. Okt 2014, 20:26

Ich lehne die Sterbehilfe insoweit ab, wenn es darum geht jemanden ohne sein Einverständnis umzubringen.
Andererseits habe ich schon (aus beruflichen Gründen) Kinder sterben sehen die unter Aids litten. Kein schöner Anblick auch ist es für die meisten Kinder sehr schwer.
Oder wenn Krebskranke unter Schmerzen sterben müssen ist auch nicht einfach.
Es gibt ja die sogenannte Verfügung die man schreiben kann. Wenn jemand weis das er bald sterben muss und will das Ganze nicht lange rausziehen und so eine Verfügung schreibt, noch lange vorher, versteht sich, dann willige ich der Sterbehilfe bei.

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Re: Sterbehilfe

Beitragvon Jack Harkness » Mo 27. Okt 2014, 20:42

Es tut mir sehr leid,dass Du so etwas schreckliches mitansehen musstest,aus dieser Sicht gebe ich Dir Recht,wenn es besser so ist.Da können wir nur hoffen,dass wir niemals eine solche Entscheidung treffen müssen.

schwarze Rose1oo

Re: Sterbehilfe

Beitragvon schwarze Rose1oo » Di 28. Okt 2014, 12:22

Jack Harkness hat geschrieben:Es tut mir sehr leid,dass Du so etwas schreckliches mitansehen musstest,aus dieser Sicht gebe ich Dir Recht,wenn es besser so ist.Da können wir nur hoffen,dass wir niemals eine solche Entscheidung treffen müssen.


Leider gibt es auf unserer Erde nicht nur schöne Dinge.
Durch meinen Beruf (jetzt hab ich ihn nicht mehr durch Krankheit) war ich immerzu in dieser Situation.

Jack Harkness
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Re: Sterbehilfe

Beitragvon Jack Harkness » Di 28. Okt 2014, 21:06

Das Leben beinhaltet leider zu viele unschöne Dinge und Sterbehilfe ist eines der unschönsten Themen überhaupt,aber ich denke fast jeder hat Angehörige oder Familie also ist es erforderlich,sich darüber Gedanken zu machen.Wir alle könnten in die Situation geraten,über so etwas unschönes entscheiden zu müssen.In diesem Fall,wenn es keine Patientenverfügung gibt,würde ich wohl versuchen die Entscheidung nach bestem Wohlwollen für den Patienten zu treffen(und hoffen,das es richtig war).

schwarze Rose1oo

Re: Sterbehilfe

Beitragvon schwarze Rose1oo » Di 28. Okt 2014, 22:34

Ich finde das man in der Familie oder mit seinem Partner über sollche Sachen sprechen sollte,falls mal was unvorhergesehenes geschied.
Ich habe mit meinem Mann schon drüber gesprochen und ihn gebeten falls ich nach einem Unfall im Koma liege und die Ärzte keine Hoffnung mehr sehen,mich von der Apparatur abzuschalten. Ich möchte normal sterben und nicht künstlich am Leben gehalten werden.
Und ich werde mich nicht wie üblich auf einen Friedhof begraben lassen, ich möchte in den Friedwald.

Jack Harkness
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Re: Sterbehilfe

Beitragvon Jack Harkness » Sa 15. Nov 2014, 14:50

Wir sollten aber nicht vergessen,dass die Medaille Sterbehilfe auch eine Kehrseite hat.Nur zu leicht,könnten zum Beispiel geldgierige Angehörige es missbrauchen um schneller an das Erbe zu kommen.Sie könnten auch aus Rache heraus oder um einen unliebsamen Menschen loszuwerden,den Tod des "Patienten" beschliessen.

schwarze Rose1oo

Re: Sterbehilfe

Beitragvon schwarze Rose1oo » Sa 15. Nov 2014, 17:57

Es gibt doch für den der die Sterbehilfe ausfüllt auch die Möglichkeit mehrere Personen zu benennen. Das heist das es garnicht für den einzelnen möglich ist selbst zu entscheiden sondern muss sich mit den anderen zusammen tun und gemeinsam die Entscheidung treffen.


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