Rapunzelchens Kurzgeschichten

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Rapunzelchen
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Rapunzelchens Kurzgeschichten

Beitragvon Rapunzelchen » Mo 7. Sep 2015, 15:22

Ich habe mal vor längerer Zeit eine für sich abgeschlossene Kurzgeschichte geschrieben, die hier vielleicht ganz gut reinpassen könnte.

Das Gothicmädchen

„… Nein! Auf gar keinen Fall! So darfst du nicht sein, hörst du?“
Auf der Veranda stand immernoch die Schaukel, wo das kleine Mädchen früher so gerne gesessen und gelesen hat. Und heute? Das kleine Mädchen ist groß geworden, ganz sie selbst, ohne sich zu verstellen.

Immer wieder kamen Kommentare wie „Du mußt dich verändern“, „Du mußt dies und das und jenes tun“ …
Das große Mädchen verstellte sich, um sich selbst vor den anderen Menschen zu schützen, die ihr etwas Böses wollen könnten.
Der Sturm legte sich. Alles war ruhig, still und leise.

Aber sie war sich unsicher, wie es weitergehen würde.
Angst und Panik machten sich in ihrem Inneren breit, fühlte sich wie eine ungekrönte Prinzessin, mit einer weißen Rose in ihrer Hand.
Aus ihrem Mund floß Blut, der Regen wusch ihre Tränen weg.
Es prasselte auf das Dach der baufällig gewordenen kleinen Hütte, die leer stand. Und hier wohnte dieses Mädchen.

Als sie ins Haus ging, war alles anders als zuvor.
Drin am Tisch saß ein Mann, der sie zunächst ansah.
Nun breitete sich tiefste Schüchternheit aus, am liebsten wäre sie im Erdboden versunken oder ins nächste Mauseloch gekrochen.
Dabei sah sie doch außergewöhnlich hübsch aus mit ihren Hüftlangen, braunen Wallewellen im Haar und Sommersprossen auf der Nase und ihren unschuldig dreinblickenden großen braunen Bambiaugen; der Traum eines jeden männlichen Wesens schlechthin.

„Ich bin gekommen, um mit dir zu arbeiten, Jana,“ sagte der Mann am Tisch. „Ich will dir nichts Böses. Sei einfach du selbst. Dann wird dir nichts passieren.“
Jana schluckte. Am liebsten wäre sie davongerannt, doch sie blieb wie angewurzelt stehen und starrte nur auf diese Person.
„Und nun geh, Kämpferin.“
Langsam löste sich der Mann vor ihren Augen in Rauch auf und umhüllte sie. Jana war danach benebelt und fiel in ein tiefes, schwarzes Loch.

„Das Geheimnis von Schönheit ist einfach – sei du selbst“ …
„Ändert sich der Zustand der Seele, so ändert dies zugleich auch das Aussehen des Körpers und umgekehrt: Ändert sich das Aussehen des Körpers, so ändert dies zugleich auch den Zustand der Seele.“ …
Jana hörte noch vereinzelt Rufe, Stimmen, Schreie, Wortfetzen – dann war alles still.
Sie wußte nicht mehr, wer sie war, woher sie kam und wohin sie ging; ob sie existierte und überhaupt.
Friede breitete sich um Jana herum aus, hüllte sie ein und verschlang alles andere um sie herum.
Sie fiel in ein riesig großes weiches Kissen hinein. Ihre Augen blieben geschlossen.

Traumsequenzen wiederholten sich; da war doch die kleine Hütte, dann das Blut auf dem Fußboden und der zerrissene Vorhang – es spielte sich alles immer wieder von vorn ab.
Auf der Schaukel auf der Veranda saß niemand mehr und sie schaukelte allein vor sich hin, so als ob gerade noch jemand drauf gesessen hätte und aufgestanden wäre.
Gespenstige Stille hüllte alles in Schweigen und Vergessen ein.

Ihr Vater war ein einflußreicher Mann, der Ansehen und Ehre in sich vereinte.
Ihre Mutter war eine mutige Frau, die trotz ihrer Schüchternheit und Ängstlichkeit gelernt hat, für sich und ihre Belange zu kämpfen.
Jana war seit dem einen kurzen Augenblick wie es passierte, ganz allein und auf sich gestellt. Niemand war in ihrer Nähe, der sie beschützen konnte.
„Schüchternheit wird nur dann zu Mut, wenn du sie für dich akzeptierst und dich damit arrangierst. Du brauchst nicht perfekt zu sein, nur wenn du meinst, alle anderen um dich herum seien das. Andere sind ebenso wenig perfekt wie du selbst. Sie brauchen dich.
Ich weiß, daß du das kannst, ich bin davon überzeugt. Du schaffst das.“

Langsam öffnete Jana ihre Augen und blickte in ein anderes Augenpaar. Gebettet in vielen weichen Kissen auf einem Bett mit Baldachin und Vorhängen lag nun Jana da und fragte sich „wo bin ich bloß?“
Schüchtern fragend und zugleich etwas neugierig wollte sie den Gedanken aussprechen, doch es legte sich ein Finger auf ihre Lippen.
„Schlaf ruhig Kleines. Es ist noch zu früh um Fragen zu stellen. Du mußt dich ausruhen. Es ist sehr viel passiert und es wird noch viel mehr passieren. Schlaf dich erstmal richtig aus, meine Kleine.“
Gehorsam befolgte Jana den Rat und schlief selig wieder ein. Sie war jetzt in Sicherheit.
Niemand konnte ihr irgendwas anhaben.

Der Mann hat sie zu sich auf seine Burg geholt.

Ich selbst komme übrigens nicht aus der Gothicszene!
Diese Kurzgeschichte ist mir eingefallen, als ich auf Youtube Gothicmusik gehört habe. Einfach mal so.
Früher mußte man selbstbewußt sein, als Frau kurze Haare zu tragen.
Heutzutage muß man selbstbewußt sein, wenn man wieder als Frau lange Haare trägt.
(meine eigene Feststellung)

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